Anwendungsgebiet

Cannabis

Ärzte und Patienten

Substanz mit breitem Spektrum

Die Wirkweise von Cannabinoid bzw. THC-haltiger Medizin resultiert aus seiner Aktivierung der Cannabinoid-CB-1- und CB-2-Rezeptoren. Ihre Modulation des Endocannabinoidsystems aktiviert verschiedene Neurotransmitter wie Noradrenalin, Acetylcholin, Glutamat, Dopamin, 5-HAT und GABA. Medizinisches Cannabis hat insgesamt eine antiemetische, analgetische und neuroprotektive Wirkung. Cannabidiol stimuliert hingegen den nicht selektiven Kationenkanal TRPV1 und die 5-HT1A Rezeptoren. Es hat antiemetische, analgetische, antiinflammatorische, antikonvulsive und neuroprotektive Eigenschaften. Die kontrollierte Studienlage zur klinischen Wirkweise von Cannabis ist noch sehr lückenhaft. Nur wenige Evidenzen sind trotz des breiten therapeutischen Potentials bisher bestätigt. Hier ist kontinuierliche Forschung und die Bereitschaft zum Therapieversuch mit medizinischem Cannabis gefordert.

Cannabis Blüte Nuuvera

Einsatz von Cannabistherapie eingeschränkt

Die Bundesopiumstelle erteilte in den Jahren 2007 bis 2016 bei mehr als 50 verschiedenen Erkrankungen bzw. Symptomen eine Ausnahmeerlaubnis aufgrund von §3, Absatz 2 des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) für eine ärztlich begleitete Selbsttherapie. Behandelt wurde u.a. Schmerz zu ca. 57 %, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zu ca. 14 %, Spastizität zu ca. 10 %, Depression zu ca. 7 %, Inappetenz/Kachexie zu ca. 5 %, Tourette-Syndrom ca. zu 4 %, Darmerkrankungen zu ca. 3 %, Epilepsie zu ca. 2 % und sonstige Psychiatrie zu ca. 2 % (Quelle: Cremer-Schaeffer, 2017). Mit Inkrafttreten des „Cannabis Gesetzes“ (§ 31, Absatz 6 des SGB V) ist die GKV verpflichtet die Kosten einer Cannabistherapie bei einer „schwerwiegenden Erkrankung“ und wenn „eine allgemein anerkannte, dem medizinischen Standard entsprechende Leistung nicht zur Verfügung steht“ die Kosten zu tragen. Die bis zur Gesetzesänderung erteilten Erlaubnisse der Selbsttherapie schließen Indikationen ein, die dem im Gesetz formulierten Standard nicht entsprechen. Die GKV stützt sich bei der Entscheidung über die Kostenübernahme auf die vorhandenen medizinischen und wissenschaftlichen Erkenntnisse der Behandlung der jeweiligen Erkrankungen und Symptome. Somit fallen viele Indikationen die in der Selbsttherapie behandelt wurden weg.

Mögliche bewilligte Anwendungsgebiete im Rahmen der Ausnahmeerlaubnis

Quelle: Grotenhermen / Häußermann „Cannabis, Verordnungshilfe für Ärzte“

Übelkeit und Erbrechen

Krebs-Chemotherapie, HIV/AIDS, Hepatitis C, Schwangerschaftserbrechen, Übelkeit bei Migräne

Inappetenz und Kachexie

Krebs-Chemotherapie, HIV/AIDS, Hepatitis C, fortgeschrittene Krebserkrankung

Spastik, Spasmen, Muskelverhärtung

multiple Sklerose, Querschnittslähmung, Spastik nach Schlaganfall, Spannungskopfschmerzen, Wirbelsäulensyndrome

hyperkinetische Bewegungsstörungen

Tourette-Syndrom, Dystonie, Levodopa-induzierte Dyskinesien, tradive Dyskinesien, essenzieller Tremor, Morbus Parkinson

psychische Erkrankungen

Depressionen, Angststörungen, bipolare Störungen, posttraumatische Belastungsstörungen, ADHS, ADS, Impotenz, Abhängigkeit von Alkohol, Opiaten und Benzodiazepinen, Isomie, Autismus, verwirrtes Verhalten bei Morbus Alzheimer

Überproduktion von Magensäure

Gastritis, Reflux

erhöhter Augeninnendruck

Glaukom

Gehör

Tinnitus

Schmerzen

Migräne, Clusterkopfschmerzen, Phantomschmerzen, Neuralgien, Menstruationsbeschwerden, Parästhesien bei Diabetis mellitus oder AIDS, Hyperalgesie, Schmerzen bei hyperoner Muskulatur und Spasmen, Arthrose, Arthritis, Colitis ulcerosa, Restless-Legs-Syndom, Fibromyalgie

Allergien

allergisch bedingtes Asthma, Heuschnupfen

Pruritus

Juckreiz bei Lebererkrankungen, Neurodermitis

chronisch-entzündliche Erkrankungen

Asthma, Arthritis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn, Neurodermitis, Morbus Bechterew, Psoriasis

Weitung der Bronchien

Asthma, COPD

Colon irritable
Epilepsie
Singultus
Hauterkrankungen

Neurodermitis, Psoriasis (Schuppenflechte), Akne inversa, Hyperhidrosis

Effekt von THC 

Um zu bestimmen für welche Symptome bzw. Erkrankungen eine Therapie mit Cannabis sinnvoll ist, muss die Auswirkung von Cannabinoiden auf den Körper entschlüsselt werden. Grundsätzlich sind die meisten therapierten Erkrankungen bisher chronischer Natur. Wesentlich für einen Therapieerfolg ist die Wahl der richtigen Sorte und Dosierung. Wie stark und welcher Art der Effekt von Cannabinoiden ist, ist sehr individuell. Allgemein gibt es psychoaktive, appetitstimulierende, motorische, kardiovaskuläre und immunsuppressive Effekte. Bisher bekannte Effekte sind:

Psyche und Wahrnehmung
Psyche und Wahrnehmung
Panickattacken, Sedierung, Euphorie, Wohlbefinden, Angststörungen, Angsthemmung, Entspannung, Wahrnehmungsänderungen, Intensivierung sensorischer Erfahrungen, Halluzinationen, verändertes Zeitgefühls
Denken
Denken
Störungen des Kurzzeitgedächtnisses, Aufmerksamkeitsstörungen, assoziatives Denken, gesteigerte Kreativität, verbesserte Konzentrationsfähigkeit
Bewegung
Bewegung
verwaschene Sprache, Verbesserung oder Verschlechterung der Koordination, Beeinträchtigung motorischer Fertigkeiten und der Reaktionszeit
Nervensystem
Nervensystem
Schmerzlinderung, Muskelentspannung, Appetitsteigerung, Übelkeit, Verminderung von Übelkeit und Erbrechen
Auge
Auge
Rötung der Augenbindehaut, Abnahme des Tränenflusses, Senkung des Augeninnendrucks, Reduktion des intraokularen Druckes bei grünem Star
Herzkreislaufsystem
Herzkreislaufsystem
Zunahme der Herzfrequenzrate um 20-50%, Erweiterung der Blutgefäße, Blutdruckabfall, Schwindelgefühl, Zunahme Blutdruck, Hemmung Thrombozytenaggregation
Körpertemperatur
Körpertemperatur
Senkung der Körpertemperatur, Fieber Senkung
Atemwege
Atemwege
Bronchienerweiterung, verminderte Speichelproduktion, Mundtrockenheit
Magendarmtrakt
Magendarmtrakt
Verminderung der Darmbewegung, verzögerte Entleerung des Magens, Hemmung der Magensäureproduktion
Entwicklung Embryo und Fetus
Entwicklung Embryo und Fetus
Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit
Immunsystem
Immunsystem
Entzündungshemmung, antiallergische Wirkung, Hemmung der Immunabwehr
Hormonsystem
Auge
Beeinflussung verschiedener Hormone

Quelle: Grotenhermen / Häußermann „Cannabis, Verordnungshilfe für Ärzte“

Sachstand über medizinische Anwendung von Cannabisprodukten

Da die BfArM keine Informationen über Therapieempfehlungen zur Anwendung von Cannabisarzneimitteln gibt, sind Ärzte angehalten, sich selbst eine Übersicht über die Studienlage zur Indikationsbreite von Cannabis zu verschaffen. Zu den Fertigarzneimitteln gibt es Fachinformationen und Empfehlungen seitens der Hersteller, die Anwendungsgebiete und Dosierungsangaben einschließen. Cannabisrx.de fasst im Bereich Forschung die aktuelle Studienlage zusammen. Im Fachforum können zusätzlich konkrete Fragen zur Sachlage mit Experten diskutiert werden.