Medizinsches

Cannabis

Pflanzenkompass

Cannabis sativa L.

(syn. Cannabis americana, C. chinensis, C. errazica, C. foetens, C. generalis, C. gigantea, C. indica, C. intersita, C. lupulus, C. macrosperma): Hanf (syn. Bästling, Indischer Hanf, Femel, Fimel, Henne, Mäsch, Mastel, Samenhanf).

Systematik

Klasse: Angiospermen

Ordnung: Rosales

Familie: Cannabaceae (Hanfgewächs)

Gattung: Cannabis

Art: Cannabis sativa

Herkunft

Die Hanfpflanze (lat. cannabis sativa) wurde bereits vor mehr als 6000 Jahren als Arznei- und Nutzpflanze angebaut und verwendet. Etwa 2700 v. Chr. wird Cannabis im Arzneibuch des chinesischen Kaisers Shén-nung erwähnt. Er empfahl dessen Anwendung bei Gicht, Malaria, Rheuma und Verstopfung. Die Chinesen bezeichneten „Ma“ (Hanf) als göttliche Pflanze, da sie sowohl Nahrung, Medizin als auch Material (Fasern für Netze, Seile und Stoffe, Lampenöl) ergab. Ebenso wurde in den Veden („Atharva Veda“ – Indien, 1500 bis 1300 v. Chr.) die Hanfpflanze als heilig bezeichnet.

Hanf Zeichnung

© By Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Ärzte Dioskurides (1. Jh. n. Chr.) (Verabreichung bei Ohrenschmerzen und bei Schmerzen und Geschwüren der weiblichen Brust), Galen (2. Jh. n. Chr.) und Herodot erwähnten Cannabis bzw. setzten Hanf bereits in der Antike als Heilmittel ein. Hildegard von Bingen (1098-1179) verordnete ihn zur Verdauungsförderung.

Weltweite Verbreitung der Hanfpflanze

Wahrscheinlich wurde Cannabis über die Himalaya-Region von Nomadenvölkern (u.a. den Skythen) nach Asien verbreitet. Von dort gelangte es nach Europa und schließlich im 16. Jahrhundert mit den spanischen Eroberern nach Amerika. In Ostasien und Europa wurde Hanf überwiegend für die Fasergewinnung und Samenproduktion angebaut. In Afrika, Indien, Südasien und im Mittleren Osten stand die psychoaktive Wirkung im Vordergrund. Viele Kulturen nutzten schon in vorchristlicher Zeit die psychoaktiven Inhaltsstoffe bei kultischen Riten und Heilungszeremonien.

Medizinalhanf in standardisierter Qualität

Es waren die europäischen Ärzte O’Shaughnessy und Aubert-Roche, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von ihren Erfahrungen (O’Shaughnessy in Asien und Aubert-Roche in Afrika) mit Hanf als Medizin berichteten. Besonders die Pionierarbeit des Schotten Sir William Brooke O’Shaughnessy, der Studien an Tieren und Menschen über die Wirkung von Cannabis zu therapeutischen Zwecken durchführte, sorgte in Europa und den USA für die verstärkte Verwendung von Cannabis als Medizin.

Geschichte der Anwendung von Cannabis als Arznei

In Deutschland fasste erstmals eine Doktorarbeit aus Erlangen 1856 die Erkenntnisse und das Wissen über die medizinische Anwendung von Cannabis zusammen. Der Verfasser forderte erstmals eine Standardisierung der Produkte aus Arzneihanf. 1872 wurde der indische Hanf schließlich apothekenpflichtig und in die Liste der Drogen und chemischen Präparate aufgenommen. Merck in Darmstadt war Ende des 19. Jahrhunderts führender Hersteller von Cannabisprodukten. Ab 1882 wurde Cannabium Tannicum und ab 1884 beziehungsweise 1889 Cannabinon sowie Cannabin als Schlaf- und Schmerzmittel, Aphrodisiakum sowie bei Neuralgien, Rheumatismus, Hysterie, Depression, Delirium und Psychosen eingesetzt. Um 1900 zählte die Hanftinktur in den Apotheken zu den meist verkauften Arzneimittel. In den 1920/30er Jahren verdrängten Aspirin, Chloralhydrat, Barbiturate, Opiate Naturprodukte. Durch den zunehmenden Einsatz als Rausch- und Suchtmittel trat die medizinische Wirkung in den Hintergrund und Cannabis geriet in Miskredit, dadurch wurde Cannabis wie Alkohol unter die Prohibition gestellt und 1925 weltweit verboten.

Identifizierung Strukturformel THC und CBD

Das Verbot hielt auch lange nach dem 2. Weltkrieg an, auch Nutzhanf zur Faser- und Papiergewinnung durfte nicht angebaut werden. Die Strukturformel von THC und CBD wurde erst 1964 durch die israelischen Wissenschaftler Yechiel Gaoni und Raphael Mechoulan identifiziert und erweckte wieder allgemeines Interesse an der Cannabisforschung. Die Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems wurden erst 1988 und 1993 entdeckt. Ein Grund für die missliche Evidenzlage ist die fehlende klinische Forschung. Erst in den letzten 15 Jahren werden Studien durchgeführt und mittlerweile gibt es vielversprechende Ansätze und neue Zulassungen für Fertigarzneimittel.

Namensherkunft

Möglicherweise setzt sich der Name aus den Wörtern ``Kene`` gleichbedeutend Hanf (Tscheremissisch - Kaukasische Sprache) und ``pis`` gleichbedeutend Nessel (Sprache siebirischen Ursprungs) zusammen. Cannabis ist die wissenschaftliche Bezeichnung der gesamten Hanfpflanze. Die Blütenstände der weiblichen Hanfpflanze werden umgangssprachlich Marihuana und der gepresster Harz Haschisch genannt. Cannabis flos bezeichnet die medizinisch verwendeten getrockneten Triebspitzen der weiblichen Blüte.

Biologie

Taxonomen und Botaniker sind sich uneins wie viele Arten der Cannabispflanze existieren. Die allgemein akzeptierte Art ist Cannabis sativa. „The plant list“ (theplantlist.org) führt sativa als einzige Art und alle anderen Arten wie Cannabis indica und ruderalis synonym an. Dabei unterscheiden sich indica und sativa sowohl massiv im Inhaltsstoffspektrum als auch im Erscheinungsbild. Indischer Hanf besitzt u.a. eine andere Zusammensetzung von Terpenen. Aufgrund der anhaltenden Diskussion über die Taxonomie hat sich in der pharmazeutischen Praxis daher die Unterscheidung durch die Bezeichnung CANNABIS SORTE SORTENNAME z.B. „Cannabis Sorte Bedrocan“ etabliert. Cannabissorten werden anhand ihres chemischen „Fingerabdrucks“ aus Cannabinoiden und Terpenen bestimmt. Mehrheitlich findet man im Arzneibereich die Sorten sativa, indica und hybrid.

Erscheinungsbild

Cannabis sativa bzw. indica ist eine krautige, meist einjährige, drei bis sieben Meter hohe monocarpe (stirbt nach der Samenreife) Pflanze. Die Reifezeit von Hanf ist abhängig von der Sorte: Bei Cannabis sativa beträgt sie acht bis 15 Wochen. Indica benötigt bis zur Blüte nur maximal neun Wochen. Die Hanfpflanze ist zweihäusig, d.h. es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Selten kommt es zu einer Zwitterbildung. Am rauen, kantigen gerieften und astigen Stängel befinden sich langstielige, entgegengesetzt stehende, fünf- bis siebenfach gefingerte Blätter. Lediglich die Triebspitzen sind nur dreiteilig oder ungeteilt. Die gezähnten Blätter werden bis zu 15 Zentimeter lang und bis zu 1,5 Zentimeter breit. Weibliche und männliche Blütenstände sind deutlich zu unterscheiden. Während die männlichen Blüten in losen Rispen zusammenstehen, sind die weiblichen, dichter belaubten Blütenrispen ährenförmig (s.g. Scheinähre) angeordnet.

Drüsen der Kelch- und Tragblätter bilden THC

Die in den Seitentrieben und Achsen der Blätter stehenden Rispen sind fünfteilig und von zarten Kelchblättern umschlossen. Weibliche Blüten sind grünlich und vom Vorblatt umhüllt, männliche hell gelbgrünlich. Hanf ist eine windbestäubende (anemophile) Pflanze. Die Blüten haben daher weder eine besondere Färbung noch einen starken Geruch. Auffällig sind die bis zu einem Millimeter langen Staubfäden, die aus den Blüten herausragen. Cannabis sativa hat längere, schmal gezackte, Cannabis indica breite und kurze Blätter, die eine dunklere bis lila gehende Färbung aufweisen. An den weiblichen Blüten- und Fruchtständen bilden die Drüsenköpfchen der Drüsenhaare Harz. Das Drüsenharz (Trichome) der Trag- und Kelchblätter enthält THC. Als Samen bildet Cannabis nussförmige kleine graue Früchte. Die Hauptwurzel der Hanfpflanze kann bis zu zweieinhalb Meter lang werden.

Blütenstand Cannabs sativa

Cannabis sativa, männliche Blütenstände

CBD Struktur

Struktur Cannabinol (CBD)

Struktur von Tetrahydrocannabinol

Struktur Δ-Tetrahydrocannabinol (THC)

© By Yikrazuul [Public domain], from Wikimedia Commons

Wirkstoffe

Alle Cannabissorten zusammen genommen weisen mehr etwa 600 verschiedene Substanzen auf. Neben den mehr als 120 Cannabinoiden finden sich Stoffgruppen wie Aminosäuren, Proteine, Zucker, Alkohole, Fettsäuren, Flavonoide und Terpene (ätherische Öle). Allein die Cannabinoide kommen ausschließlich in der namensgebenden Hanfpflanze vor. Sie sind phenolische Terpeniode und leiten sich strukturell von Isoprenen ab. Cannabinoide können in etwa zehn unterschiedliche Typen eingeteilt werden und weisen ein breites Wirkspektrum auf. Cannabigerol (CBG), Cannabichromen (CBC), Cannabidiol (CBD), Cannabinol (CBN), Delta-9-THC sind darunter die fünf wichtigsten Cannabinoid-Typen.

Wirkung entfaltet sich durch Erhitzung oder UV-Bestrahlung

Dabei ist das nicht psychoaktive CBD (Cannabidiol) das im Faserhanf am häufigsten vorhandene Cannabinoid. Im Drogenhanf ist es der zweithäufigste Bestandteil nach dem psychoaktiven THC (Δ9-Tetrahydrocannabinol). Diese beiden Hauptcannabinoide sind in der unbehandelten Hanfpflanze pharmakologisch unwirksam. Nur durch Erhitzung oder UV-Bestrahlung (chemischer Prozess: Carbonsäure wird decraboxyliert) entfalten sie ihre Wirkung. Pharmakologisch verwendetes Cannabis – indica, sativa und hybrid Formen – hat entweder: 1. eine hohe Konzentration von THC, 2. eine hohe Konzentration von CBD oder 3. ein ausgewogenes Verhältnis von CBD und THC. Die über 200 stets in unterschiedlicher Zusammensetzung vorhandenen Terpene sorgen für die individuellen Nebeneffekte wie u.a. Geruch und Geschmack der Arzneipflanze.

Nutzpflanze Hanf

Werkstoff, Kosmetik und Nahrungsmittel: Hanf hat als Nutzpflanze ein breit gefächertes Spektrum an Verwendungsmöglichkeiten. Während Hanf in seiner Blütezeit als Rohstoff im 17. Jahrhundert vor allem für die Herstellung von Seilen in der Segelschifffahrt genutzt wurde, setzt die heutige Hanfindustrie auf die vielfältige Verwendung von Fasern, Samen und Öl der Pflanze. Laut der European Industrial Hemp Association (EIHA) ist heute die Papierindustrie größter Abnehmer der Hanffasern. Grund: Der aus den Fasern gewonnene Zellstoff ist widerstandsfähiger, reißfester und hat längere Fasern als Holzzellstoff. Eigenschaften, die sich als zweitwichtigster Abnehmer die Bauwirtschaft zu Nutze macht. Die von ihr überwiegend aus den Schäben (verholzter Teil des Stängels) erstellten Dämmstoffe sorgen für ein gutes Raumklima, sind lange haltbar und schädlingsresistent. In der Automobilindustrie werden im Leichtbau Formpressteile für Tür- und Kofferraumauskleidungen oder Armaturenbretter aus Hanffasern erstellt. Selbst in der Textilindustrie etabliert sich Hanf als Alternative zur Baumwollfaser.

Anbau von Hanf – klima- und umweltfreundlich

Hanfsamen und Hanföl sind Dank ihrer gesundheitsfördernden Wirkung im Nahrungsmittelmarkt angekommen. Von Hanfjoghurt über schokolierte Hanfsamen gibt es immer mehr hanfhaltige Produkte. Zwar ist die Verarbeitung von Nutzhanf zur Zeit noch kostenintensiver als die seiner Konkurrenzrohstofflieferanten wie Baumwolle, sein klimafreundlicher und ökologischer Anbau spricht jedoch für seine verstärkte Nutzung. In Zusammenarbeit mit der EU hat sich daher die EIHA u.a. mit dem Projekt „MulitHemp“ die Steigerung der Qualität, Effizienz und Produktivität von Nutzhanf im Bereich Anbau und Verarbeitung zum Ziel gesetzt.

European Industrial Hemp Association (EIHA) Multi Hemp

Nutzpflanze Hanf: Rohstoff und Verwendung